Quelle: Berliner Zeitung vom 28.02.2009 von Katrin Bischoff
„Wenn es Linda nicht geben würde, wäre ich auch nicht mehr da. Ich könnte gar nicht mehr ohne sie leben.“ Es hört sich ein wenig wie eine Liebeserklärung an, was Elsa Marquardt da sagt. Und vielleicht ist es auch eine. Elsa Marquardt ist 93 Jahre alt. Sie sitzt im Rollstuhl und lacht. Elsa Marquardt lebt im Domino-Club, einem Seniorenheim in Oranienburg (Oberhavel). Als sie vor gut einem Jahr hierher kam, da, so sagt sie, sei sie in ein tiefes Loch gefallen. „So ist das, wenn man seine Wohnung plötzlich aufgeben muss, weil es nicht mehr alleine geht und du das Gefühl hast, aus der Welt in ein Heim weggeschoben zu sein.“
Doch dann kam Linda. Linda Polzin, 17 Jahre alt und Schülerin des Louise-Henriette-Gymnasiums. Sie klopfte an die Tür von Elsa Marquardts Zimmer in der dritten Etage des Seniorenhauses und war einfach da. „Ich wusste schon, dass sie kommt. Aber ich habe mir wirklich einen Kopf gemacht, wie ich dieses Verhältnis anfangen sollte“, erzählt Elsa Marquardt. Wie sollte das auch gehen: Sie, die 93-jährige Frau, und Linda, das junge Mädchen. Zwei Fremde, die sich noch nie zuvor gesehen hatten. Es ging. Toll sogar, sagt Linda. „Wir haben uns von Anfang an gut verstanden.“
Einmal in der Woche besucht die Gymnasiastin ihre Paten-Oma für ein, zwei Stunden. Selbst in den Ferien, wenn es geht. Zwischendurch telefonieren sie. „Wir reden viel, jeder berichtet von seinen Problemen, die einen gerade plagen. Frau Marquardt erzählt auch ganz viel von früher, vom Krieg und so“, sagt Linda. Eine wunderbare Sache sei dieses „Verhältnis“. „Man lernt unheimlich viel dabei“, sagt die Jugendliche. Ist das Wetter schön, dann schiebt Linda „ihre Oma“, wie sie sie nennt, nach draußen in den Park. „Dort suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen zum Quatschen“, sagt Elsa Marquardt. Denn beim Schieben des Rollstuhls ist ein gutes Gespräch nicht so richtig möglich.
Linda Polzin ist eine von 20 Schülerinnen und Schülern der Schule aus Oranienburg, die seit gut einem Jahr regelmäßig zum Domino-Club fahren. „Es ist der Jugend hoch anzurechnen, wenn sie zu uns Alten kommt“, sagt Elfriede Mandanach. Die 88-Jährige ist ein wenig schwerhörig. Doch darauf hat sich Caroline Schule eingestellt. „Frau Mandanach ist meine zweite Oma“, sagt die 16-Jährige. Immer freitags nach der Schule fährt sie zu ihr. „Uns wird nie langweilig, wenn wir uns sehen“, sagt Elfriede Mandanach. Am liebsten spielen sie Rummy Cup.
Die ungewöhnlichen Patenschaften hat Rita Linstedt initiiert. Sie ist Englischlehrerin im Louise-Henriette-Gymnasium. „Sie sind Teil des Berlin-Brandenburger Demokratie-Projekts ,Hands across the Campus'“, erzählt sie. Sie habe damit ganz nach amerikanischem Vorbild Vorurteile zwischen den Generationen abbauen wollen. Dass die Jugend nämlich nur Spaß wolle und herumhänge. Und die Alten nur auf Kosten der Jungen ihre Rente verprassen.
29 der insgesamt 672 Acht- bis Zwölftklässler hatten sich ursprünglich für das Projekt gemeldet. Neun sind seither abgesprungen. Für Rita Linstedt ist das in Ordnung. „So etwas ist ja auch nichts für jeden. Man muss schon sozial engagiert sein. Vor allem muss die Chemie stimmen“, erklärt die Lehrerin. „Aber dass noch immer 20 Schülerinnen und Schüler dabei sind, das freut mich sehr.“ Die Jugendlichen gehen ganz selbstlos zu ihren Paten-Omis und -Opis. Jeder hat eine Belehrung unterschrieben. „Danach dürfen die Schüler keine Geschenke annehmen“, erklärt Frau Linstedt. Klar, davon ist ein Osterei oder eine Tafel Schokolade ausgenommen. Es sei aber sehr wohl schon vorgekommen, dass die älteren Leute den Schülern Geld oder Schmuck angeboten hätten.
Auch Jungen sind unter den Schülern, die eine Patenschaft im Seniorenheim übernommen haben. Etwa Eric Thum. Zum Anfang besuchte er regelmäßig eine 97-jährige Heimbewohnerin. Mit seiner hochbetagten Omi habe er immer Schach gespielt, erzählt der Zehntklässler. Da sie etwas vergesslich gewesen sei, habe sie auch immer etwas geschummelt. „Das hat mich aber nicht gestört, es war schön, wenn ich sie zum Lächeln bringen konnte“, sagt er.
Das mit der Patenschaft geht nun nicht mehr. Die alte Dame ist bettlägerig geworden. Daher betreut Eric seit Kurzem einen älteren Herrn. „Ich weiß nicht viel über ihn, weil er nicht spricht“, sagt der Schüler. Aber der Mann spiele Rommee. „Ich bringe mir das Kartenspiel gerade bei“, so der Schüler.
„Die Jugendlichen und unsere Bewohner gehen eine enge Bindung wie Enkel und Oma ein“, sagt Angelika Kühn, die Leiterin des Domino-Clubs. Die Gymnasiasten würden den Senioren wieder Lebensmut schenken. „Ich habe Hochachtung davor, mit welcher Disziplin sie sich hier nach der Schule engagieren“, sagt sie.
Wie gut solche Besuche tun, hat Günter Queck erfahren. Ärzte hatten den 84-Jährigen nach dem Tod seiner Frau bereits aufgegeben. Nach einem Schlaganfall kam auch der Krebs wieder. „Herr Queck hatte keinen Lebensmut mehr“, sagt die Heimleiterin. Bis Isabel Ottlewski ihn besuchte. Beide gehen spazieren, Eis essen oder reden einfach nur über Politik. „Ich nenne Herrn Queck meinen Opa Nummer drei“, sagt die 16-Jährige. Es sei schön zu sehen, wie er aufgeblüht sei.
Günter Queck braucht inzwischen nicht einmal mehr einen Stock zum Laufen. Die Tage, an denen Isabel kommt, hat er sich rot im Kalender angestrichen. „An diesen Tagen kann man ihn zu nichts anderem bewegen“, sagt Clubleiterin Kühn.



